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Risikobereitschaft

Risikobereitschaft beschreibt die Neigung einer Person, Optionen mit unsicherem Ausgang zu wählen, obwohl sichere Alternativen verfügbar wären. Sie zeigt sich beim Geldanlegen ebenso wie beim Jobwechsel, im Straßenverkehr, beim Sport oder in der Entscheidung, jemanden anzusprechen.

Lange galt Risikofreude als einheitliches Merkmal. Die moderne Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild: Es gibt einen stabilen allgemeinen Kern, doch die Ausprägung variiert deutlich zwischen Lebensbereichen – der vorsichtige Anleger kann ein waghalsiger Bergsteiger sein.

Ein Merkmal mit vielen Domänen

Die Domain-Specific Risk-Taking Scale (DOSPERT) von Weber, Blais und Betz erfasst Risikoneigung getrennt für fünf Bereiche: Finanzen, Gesundheit/Sicherheit, Freizeit/Sport, Ethik und Soziales. Die Korrelationen zwischen den Bereichen sind nur moderat – ein zentraler Beleg für die Bereichsabhängigkeit.

Der Grund liegt in der Wahrnehmung: Ob jemand ein Risiko eingeht, hängt weniger von einer festen "Risikotoleranz" ab als davon, wie groß er Gefahr und Nutzen in genau dieser Domäne einschätzt. Erfahrung und Kompetenz verschieben diese Einschätzung – der geübte Kletterer sieht in der Wand schlicht weniger Risiko als der Zuschauer.

Messung: vom Fragebogen bis zur Ballon-Aufgabe

Erstaunlich leistungsfähig ist eine einzige Frage. Im deutschen Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) schätzen Befragte ihre generelle Risikobereitschaft auf einer Elferskala ein; Dohmen und Kollegen (2011) validierten diese Angabe an über 22.000 Personen und in Feldexperimenten mit echtem Geld – sie sagt tatsächliches Verhalten von der Selbstständigkeit bis zum Rauchen voraus.

Verhaltensmaße ergänzen die Selbstauskunft: Beim Balloon Analogue Risk Task (BART) pumpen Teilnehmende einen virtuellen Ballon auf – jeder Pumpstoß bringt Geld, das Platzen vernichtet es. Solche Aufgaben korrelieren mit realem Risikoverhalten, messen aber teils andere Anteile als Fragebögen, etwa das Lernen aus Rückmeldung.

Was die Risikoneigung prägt

Robuste Befunde aus Bevölkerungsstudien: Risikobereitschaft nimmt mit dem Alter ab, Männer berichten höhere Werte als Frauen, größere Körpergröße und höhere kognitive Grundfähigkeiten gehen mit mehr Risikofreude einher, und elterliche Risikoeinstellungen übertragen sich teilweise auf Kinder. Ökonomische Lage wirkt ebenfalls – existenzieller Druck macht Verluste bedrohlicher.

Situative Faktoren können die Disposition kurzfristig überschreiben: Gruppendruck und Publikum steigern Risikoverhalten besonders bei Jugendlichen, ebenso Alkohol, Zeitdruck und starke Emotionen. Verlusterfahrungen unmittelbar zuvor führen je nach Kontext zu Vorsicht oder zu riskantem "Verlustaufholen", wie man es vom Glücksspiel kennt.

Gute Entscheidungen bei Unsicherheit

Weder maximale Vorsicht noch maximale Kühnheit ist rational; entscheidend ist Kalibrierung. Drei Prüffragen helfen: Ist der mögliche Verlust tragbar, auch im schlechtesten realistischen Fall? Ist das Risiko durch Kompetenz oder Vorbereitung reduzierbar? Und ist die Entscheidung umkehrbar – bei reversiblen Schritten darf man deutlich mutiger sein.

Wer die eigene Bereichsstruktur kennt, kann gezielt gegensteuern: etwa im überschätzten Feld (häufig Straßenverkehr) Sicherheitsmargen einbauen und im unterschätzten Feld (häufig berufliche Veränderung) bewusst kleine Wagnisse trainieren. Risikokompetenz ist lernbar – sie beginnt mit ehrlicher Selbstauskunft.

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Quellen