Attributionsstil
Der Attributionsstil beschreibt die gewohnheitsmäßige Art, mit der ein Mensch Ursachen für Ereignisse erklärt – besonders für Erfolge und Misserfolge. Dieselbe verpatzte Prüfung kann als "Ich bin zu dumm" oder als "Die Vorbereitungszeit war diesmal zu knapp" gedeutet werden; die emotionale Folge unterscheidet sich erheblich.
Das Konzept wurde in der reformulierten Theorie der erlernten Hilflosigkeit von Abramson, Seligman und Teasdale (1978) ausgearbeitet und ist bis heute ein Kernstück der Depressionsforschung.
Drei Dimensionen jeder Ursachenzuschreibung
Erklärungen lassen sich auf drei Achsen einordnen. Internal versus external: Liegt die Ursache in mir oder in den Umständen? Stabil versus variabel: Bleibt sie bestehen oder war sie einmalig? Global versus spezifisch: Betrifft sie viele Lebensbereiche oder nur diesen einen Fall?
Ein pessimistischer Stil erklärt Misserfolge internal, stabil und global ("Ich versage immer und überall"), Erfolge dagegen external und variabel ("Glück gehabt"). Der optimistische Stil zeigt das gespiegelte Muster. Gemessen wird das etwa mit dem Attributional Style Questionnaire, der hypothetische Ereignisse erklären lässt.
Folgen für Stimmung, Leistung und Gesundheit
Nach der Hoffnungslosigkeitstheorie von Abramson und Kollegen wirkt ein pessimistischer Stil als Vulnerabilitätsfaktor: Trifft er auf belastende Lebensereignisse, steigt das Risiko depressiver Symptome. Metaanalysen bestätigen diesen Zusammenhang über Altersgruppen hinweg.
Auch außerhalb der Klinik zeigt sich der Effekt. In Seligmans Studien mit Versicherungsvertretern verkauften optimistisch attribuierende Mitarbeiter mehr und kündigten seltener; in Sportstudien erholten sich Athleten mit günstigem Stil schneller von Niederlagen. Der Stil beeinflusst offenbar, ob nach einem Rückschlag weiter investiert oder aufgegeben wird.
Verzerrungen rund um die Ursachensuche
Attribution unterliegt typischen Schieflagen. Der fundamentale Attributionsfehler lässt uns das Verhalten anderer durch deren Charakter erklären und Situationsfaktoren übersehen. Die selbstwertdienliche Verzerrung schreibt eigene Erfolge dem Können zu und eigene Misserfolge den Umständen – ein Muster, das kurzfristig den Selbstwert schützt.
Interessanterweise fehlt diese Schutzverzerrung bei depressiven Personen häufig oder ist umgekehrt; die Ursachensuche wird dann zur ständigen Selbstanklage. Ein fairer Attributionsstil liegt zwischen beiden Extremen: Er räumt eigene Anteile ein, ohne einmalige Fehler zu Charakterurteilen aufzublasen.
Den eigenen Stil verändern
Attributionen sind Gewohnheiten und damit veränderbar. Attributionstrainings arbeiten mit einem einfachen Prüfschema: Nach einem Misserfolg drei konkurrierende Erklärungen sammeln (eine internale, eine situative, eine zufallsbezogene) und Belege für jede prüfen, bevor eine akzeptiert wird. Schülerstudien zeigen, dass solches Reattributionstraining Ausdauer und Leistung nach Fehlschlägen verbessert.
Zwei Sprachregeln unterstützen den Wandel: erstens zeitlich begrenzen ("diesmal" statt "immer"), zweitens verhaltensnah formulieren ("Ich habe zu spät angefangen" statt "Ich bin unfähig"). Beides verschiebt Erklärungen von stabil-global zu variabel-spezifisch – der Richtung, in der Veränderung möglich bleibt. Vergessen Sie dabei die Gegenseite nicht: Werten Sie gelungene Aufgaben ebenfalls aus und benennen Sie den eigenen Beitrag, der den Ausschlag gab – so wird die internale Zuschreibung dort geübt, wo sie motiviert.
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Zum Weiterlesen
Quellen
- Abramson, L. Y., Seligman, M. E. P., & Teasdale, J. D. (1978). Learned helplessness in humans: Critique and reformulation. Journal of Abnormal Psychology, 87(1), 49–74.
- Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (1984). Causal explanations as a risk factor for depression: Theory and evidence. Psychological Review, 91(3), 347–374.