Ihr Ergebnis · Gefühle-erkennen-Test: Wie gut lesen Sie Ihr eigenes Innenleben?
Deutliche alexithyme Tendenz (16–22 Punkte)
Das eigene Gefühlsleben bleibt für Sie häufig hinter Milchglas: spürbar, aber nicht lesbar. Das kostet Beziehungsqualität und Wohlbefinden – lässt sich aber systematisch verändern.
Was bedeutet dieses Ergebnis?
Ihr Ergebnis zwischen 16 und 22 Punkten weist auf spürbare Schwierigkeiten in mehreren Facetten hin: Emotionen zu identifizieren, sie in Worte zu fassen und dem Innenleben überhaupt Aufmerksamkeit zu widmen. Auf der Original-TAS-20 entspräche ein solches Profil dem Graubereich zwischen unauffällig und alexithym – dort, wo die Forschung von möglicher Alexithymie spricht.
Die praktische Konsequenz ist gewichtiger, als sie klingt: Gefühle verschwinden nicht, wenn man sie nicht erkennt. Sie steuern Entscheidungen, Körperreaktionen und Verhalten aus dem Verborgenen – man kündigt, isst, streitet oder zieht sich zurück, ohne den emotionalen Motor dahinter zu sehen. Selbstregulation wird so zum Blindflug: Man kann nicht beruhigen, was man nicht findet.
Wichtig für die Einordnung: Eine alexithyme Tendenz ist weder Gefühlskälte noch Charakterfehler. Betroffene fühlen genauso viel wie andere – die Verbindung zwischen Erleben und bewusster Repräsentation ist schwächer ausgebaut, oft weil sie nie geübt wurde. Und diese Verbindung reagiert nachweislich auf Training.
Wie zeigt sich das im Alltag?
Ein häufiges Alltagsmerkmal dieses Profils sind Körperbeschwerden, für die Untersuchungen keine ausreichende Erklärung liefern: Spannungskopfschmerz, Magen-Darm-Probleme, Engegefühle, Erschöpfung. Emotionale Erregung wird als rein körperliches Ereignis wahrgenommen und entsprechend medizinisch gedeutet – ein Mechanismus, der Alexithymie in Studien wiederholt mit psychosomatischen Beschwerdebildern verknüpft.
In Partnerschaften entsteht oft ein wiederkehrender Tanz: Die eine Seite wünscht sich emotionale Auskunft und erlebt eine Wand; die andere fühlt sich verhört und weicht auf Sachthemen aus. Vorwürfe wie „Dir ist doch alles egal“ treffen dabei ins Leere – egal ist es nicht, es ist unzugänglich. Auch Freundschaften bleiben mitunter auf der Aktivitätsebene stehen: Man unternimmt viel miteinander, spricht aber nie über Inneres.
Im Berufsleben fällt die Tendenz weniger auf, kann sogar als Sachlichkeit gelten. Ihren Preis zeigt sie indirekt: Unzufriedenheit wird erst beim Kündigungsimpuls bemerkt, Überlastung erst im Zusammenbruch, Kränkungen entladen sich zeitversetzt als Zynismus. Kollegen erleben Sie womöglich als schwer einzuschätzen, weil Mimik und Worte wenig über Ihre Verfassung verraten.
Was können Sie jetzt tun?
Beginnen Sie mit dem einfachsten wirksamen Werkzeug: einer festen täglichen Benennungsroutine. Dreimal am Tag – etwa an Mahlzeiten gekoppelt – wählen Sie aus einer Emotionsliste die zwei Begriffe, die am ehesten passen, und notieren den Anlass daneben. Die Auswahl aus vorgegebenen Wörtern umgeht das Problem, dass Ihnen spontan keine einfallen; Studien zum Affect Labeling zeigen, dass schon dieses Etikettieren die Verarbeitung verbessert.
Trainieren Sie parallel die Körperspur, denn bei ausgeprägter Tendenz führt der Weg zum Gefühl fast immer über die Empfindung: Regelmäßige Bodyscan-Übungen oder achtsame Pausen schärfen die Interozeption – die Wahrnehmung innerer Signale –, aus der sich Gefühlsqualitäten erst herausbilden. Auch strukturierte Angebote wie Achtsamkeitskurse der Krankenkassen leisten hier Vorarbeit.
Ziehen Sie fachliche Begleitung ernsthaft in Betracht, besonders wenn ungeklärte Körperbeschwerden, Beziehungskrisen oder gedrückte Stimmung dazukommen. Sprechen Sie in der Hausarztpraxis offen an, dass Ihnen der Zugang zu Gefühlen schwerfällt – das lenkt die Abklärung in die richtige Richtung. Eine psychotherapeutische Sprechstunde können Sie ohne Umwege über die Servicenummer 116 117 der Kassenärztlichen Vereinigungen anfragen; emotionsfokussierte und klärungsorientierte Verfahren setzen genau an dieser Fähigkeit an.
Grenzen dieses Tests
Dieser Test ist ein Screening, kein Diagnoseinstrument: Ob tatsächlich eine Alexithymie im fachlichen Sinn vorliegt, klären validierte Verfahren und ein strukturiertes Gespräch – zumal erhöhte Werte auch bei Depressionen, Angststörungen und in Erschöpfungsphasen auftreten, ohne dass ein überdauerndes Merkmal dahintersteht.
Die Selbstauskunft stößt in diesem Wertebereich zudem an ihre systematische Grenze: Wer innere Zustände schwer wahrnimmt, kann sich in beide Richtungen verschätzen. Nehmen Sie Rückmeldungen aus Ihrem Umfeld als zweite Datenquelle ernst – sie sind hier ungewöhnlich wertvoll.
Quellen
- Bagby RM, Parker JDA, Taylor GJ (1994). The twenty-item Toronto Alexithymia Scale—I. Item selection and cross-validation of the factor structure. Journal of Psychosomatic Research, 38(1), 23–32.
- Bach M, Bach D, de Zwaan M, Serim M, Böhmer F (1996). Validierung der deutschen Version der 20-Item Toronto-Alexithymie-Skala bei Normalpersonen und psychiatrischen Patienten. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 46(1), 23–28.
- Taylor GJ, Bagby RM, Parker JDA (1997). Disorders of Affect Regulation: Alexithymia in Medical and Psychiatric Illness. Cambridge: Cambridge University Press.
Weitere mögliche Ergebnisse
- Gute Gefühlswahrnehmung (0–8 Punkte)
Sie erkennen Ihre Emotionen zuverlässig, können sie differenziert benennen und von körperlichen Empfindungen unterscheiden – die Basis gelingender Selbstregulation.
- Leichte Unschärfe der Gefühlswahrnehmung (9–15 Punkte)
Meist wissen Sie, was in Ihnen vorgeht – doch unter Druck oder bei komplexen Gefühlslagen verschwimmt das Bild. Mit gezielter Übung lässt sich die Auflösung deutlich erhöhen.
- Stark ausgeprägte alexithyme Züge (23–30 Punkte)
Ihr Innenleben sendet, aber der Empfang ist massiv gestört: Gefühle erscheinen als Nebel oder als Körpersymptom. Professionelle Unterstützung kann diesen Zugang Schritt für Schritt aufbauen.