Ihr Ergebnis · Gefühle-erkennen-Test: Wie gut lesen Sie Ihr eigenes Innenleben?
Leichte Unschärfe der Gefühlswahrnehmung (9–15 Punkte)
Meist wissen Sie, was in Ihnen vorgeht – doch unter Druck oder bei komplexen Gefühlslagen verschwimmt das Bild. Mit gezielter Übung lässt sich die Auflösung deutlich erhöhen.
Was bedeutet dieses Ergebnis?
Zwischen 9 und 15 Punkten liegt eine Gefühlswahrnehmung, die grundsätzlich funktioniert, aber Lücken hat. Vertraute, starke Emotionen – Freude über gute Nachrichten, Ärger über eine klare Ungerechtigkeit – erkennen Sie ohne Mühe. Schwieriger wird es bei leisen, gemischten oder unangenehmen Zuständen: Da bleibt oft nur ein „irgendwas stimmt nicht“, das sich erst Stunden oder Tage später aufklärt, wenn überhaupt.
Ein solches Profil ist verbreitet und meist erworben: Wer in einem Umfeld aufwuchs, in dem über Sachthemen gesprochen wurde und Gefühle Privatsache blieben, hat schlicht wenig Vokabular und wenig Übung aufgebaut. Es handelt sich um eine trainierbare Fertigkeit, nicht um einen festen Wesenszug – das unterscheidet die leichte Unschärfe von einer ausgeprägten Alexithymie.
Beachten Sie auch den Zustandsfaktor: Anhaltender Stress, Schlafmangel und Erschöpfung drosseln die Innenwahrnehmung vorübergehend bei fast allen Menschen. Falls Ihr Leben gerade im Ausnahmemodus läuft, misst der Test womöglich eher Ihre aktuelle Überlastung als Ihre grundsätzliche Fähigkeit – eine Wiederholung in ruhigeren Zeiten schafft Klarheit.
Wie zeigt sich das im Alltag?
Typische Alltagsszene für dieses Profil: Nach Feierabend sind Sie wortkarg und gereizt, ohne zu wissen warum; erst beim Einschlafen fällt Ihnen die halb wahrgenommene Spitze aus dem Meeting wieder ein. Die Emotion war den ganzen Tag aktiv und hat Ihr Verhalten gefärbt – nur eben unerkannt, und damit unbeeinflussbar.
Im Gespräch greifen Sie vermutlich häufig zu Sammelbegriffen: „stressig“, „ganz okay“, „irgendwie komisch“. Ihr Partner oder enge Freunde fragen dann nach – und Sie können beim besten Willen nicht präziser werden, was auf beiden Seiten Frust erzeugt. Wichtig zu wissen: Das ist keine Verweigerung, sondern fehlende Auflösung; das Wort, nach dem gefragt wird, existiert in dem Moment tatsächlich nicht.
Manchmal meldet sich das Übersehene körperlich: ein flauer Magen vor Terminen, deren Brisanz Sie sich nicht eingestehen, Nackenverspannung in Konfliktwochen, unerklärliche Rastlosigkeit am Sonntagabend. Solche Signale sind bei leichter Unschärfe die zuverlässigsten Hinweise darauf, dass emotional mehr los ist, als das Bewusstsein meldet.
Was können Sie jetzt tun?
Erweitern Sie zuerst das Vokabular, denn Differenzierung beginnt mit Wörtern: Eine Gefühlsliste mit 60 bis 80 Begriffen (online frei verfügbar, ausgedruckt an den Kühlschrank) macht aus „schlecht drauf“ wahlweise entmutigt, übergangen, ausgelaugt oder bedrängt. Wählen Sie zweimal täglich das treffendste Wort für Ihren Ist-Zustand – nach wenigen Wochen geschieht die Zuordnung automatisch.
Koppeln Sie die Übung an Körpersignale: Wo genau sitzt die Empfindung – Brust, Magen, Kehle, Schultern? Ist sie eng oder weit, heiß oder taub? Diese interozeptive Spur führt oft schneller zum Gefühl als der Kopf. Zehn Minuten Schreiben am Abend („Was hat mich heute bewegt, und woran habe ich es gemerkt?“) verbinden beide Zugänge und gelten in Studien als wirksame Methode, emotionale Klarheit aufzubauen.
Nutzen Sie schließlich nahestehende Menschen als Spiegel: Bitten Sie eine Vertrauensperson, Ihnen zu sagen, wann Sie angespannt, bedrückt oder aufgekratzt wirken. Der Abgleich zwischen Außenwahrnehmung und Innenbild ist das schnellste Korrektiv – häufig sehen andere unsere Verfassung Minuten vor uns selbst.
Grenzen dieses Tests
Der Mittelbereich dieser Skala trennt am wenigsten scharf: Er fängt dauerhafte leichte Unschärfe ebenso ein wie vorübergehende stressbedingte Abstumpfung oder schlicht vorsichtiges Antwortverhalten. Erst zwei, drei Messungen über einige Monate zeigen, womit Sie es zu tun haben.
Außerdem gewichtet der Summenwert alle Facetten gleich. Ob Ihre Punkte vor allem vom Erkennen, vom Beschreiben oder vom faktenorientierten Denkstil stammen, verrät er nicht – für gezieltes Üben lohnt der Blick, bei welchen Aussagen Sie zugestimmt haben.
Quellen
- Bagby RM, Parker JDA, Taylor GJ (1994). The twenty-item Toronto Alexithymia Scale—I. Item selection and cross-validation of the factor structure. Journal of Psychosomatic Research, 38(1), 23–32.
- Bach M, Bach D, de Zwaan M, Serim M, Böhmer F (1996). Validierung der deutschen Version der 20-Item Toronto-Alexithymie-Skala bei Normalpersonen und psychiatrischen Patienten. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 46(1), 23–28.
- Taylor GJ, Bagby RM, Parker JDA (1997). Disorders of Affect Regulation: Alexithymia in Medical and Psychiatric Illness. Cambridge: Cambridge University Press.
Weitere mögliche Ergebnisse
- Gute Gefühlswahrnehmung (0–8 Punkte)
Sie erkennen Ihre Emotionen zuverlässig, können sie differenziert benennen und von körperlichen Empfindungen unterscheiden – die Basis gelingender Selbstregulation.
- Deutliche alexithyme Tendenz (16–22 Punkte)
Das eigene Gefühlsleben bleibt für Sie häufig hinter Milchglas: spürbar, aber nicht lesbar. Das kostet Beziehungsqualität und Wohlbefinden – lässt sich aber systematisch verändern.
- Stark ausgeprägte alexithyme Züge (23–30 Punkte)
Ihr Innenleben sendet, aber der Empfang ist massiv gestört: Gefühle erscheinen als Nebel oder als Körpersymptom. Professionelle Unterstützung kann diesen Zugang Schritt für Schritt aufbauen.