Ihr Ergebnis · Gefühle-erkennen-Test: Wie gut lesen Sie Ihr eigenes Innenleben?
Stark ausgeprägte alexithyme Züge (23–30 Punkte)
Ihr Innenleben sendet, aber der Empfang ist massiv gestört: Gefühle erscheinen als Nebel oder als Körpersymptom. Professionelle Unterstützung kann diesen Zugang Schritt für Schritt aufbauen.
Was bedeutet dieses Ergebnis?
Ihr Summenwert von 23 bis 30 Punkten entsteht nur, wenn nahezu jede Aussage deutliche Zustimmung erhielt – ein Antwortmuster, das in Bevölkerungsstudien mit der TAS-20 lediglich eine Minderheit von grob zehn Prozent zeigt. Es beschreibt eine durchgängige Entkopplung: Emotionale Vorgänge laufen ab, erreichen das bewusste Erleben aber kaum als unterscheidbare, benennbare Gefühle. Übrig bleiben diffuse Erregung, Leere oder körperliche Missempfindungen.
Die Forschung nimmt diese Konstellation ernst, weil sie folgenreich ist: Stark ausgeprägte Alexithymie geht mit erhöhten Raten somatoformer Beschwerden, depressiver Entwicklungen und Suchtverhalten einher – vermutlich, weil unerkannte Emotionen weder mitgeteilt noch reguliert werden können und sich Ersatzwege suchen. Auch Behandlungen verlaufen zäher, wenn dieser Zugang fehlt; umso wichtiger ist es, ihn gezielt aufzubauen.
Halten Sie zugleich fest, was der Wert nicht besagt: Er misst weder Intelligenz noch Empathiefähigkeit noch die Tiefe Ihrer Bindungen. Menschen mit ausgeprägten alexithymen Zügen lieben, sorgen und leiden wie alle anderen – ihnen fehlt das innere Anzeigeinstrument, nicht das Gefühl selbst. Genau deshalb wirkt gezieltes Training: Es baut die Anzeige nach, nicht die Emotion.
Wie zeigt sich das im Alltag?
Alltagsberichte zu diesem Profil ähneln sich auffallend: Auf die Frage nach dem Befinden existiert schlicht keine Antwort; Entscheidungen werden über Listen und Logik getroffen, weil das Bauchgefühl stumm bleibt; nach Verlusten oder Trennungen bleibt die erwartete Trauer aus, stattdessen kommen Schlafstörungen oder Magenprobleme. Das Innenleben äußert sich konsequent über den Körper – und wird konsequent beim Arzt vorgestellt.
Zwischenmenschlich entstehen wiederkehrende Missverständnisse: Nahestehende deuten die fehlende Gefühlsäußerung als Desinteresse oder Ablehnung und ziehen sich verletzt zurück; Konfliktgespräche scheitern, weil auf „Was empfindest du dabei?“ ehrlicherweise nur Schweigen folgt. Manche Betroffene lernen, erwartete Emotionen zu imitieren – ein anstrengendes Dauerschauspiel, das Beziehungen zusätzlich belastet, weil es irgendwann auffällt.
Auch Warnsysteme fallen aus: Wo andere Menschen Überlastung als wachsende Anspannung spüren und gegensteuern, arbeitet jemand mit diesem Profil oft unverändert weiter, bis Körper oder Stimmung kollabieren. Rückblickend heißt es dann „Es kam aus dem Nichts“ – tatsächlich fehlten die Vorboten nicht, sie wurden nur nicht empfangen.
Was können Sie jetzt tun?
Bei dieser Ausprägung ist professionelle Begleitung der empfohlene Weg, denn reiner Selbstaufbau überfordert das fehlende Fundament. Der erste Schritt kann in der Hausarztpraxis stattfinden – schildern Sie neben etwaigen Körperbeschwerden ausdrücklich, dass Sie Gefühle kaum identifizieren können. Für die weitergehende Klärung vermittelt die bundesweite Nummer 116 117 Termine in einer psychotherapeutischen Sprechstunde; dort wird auch geprüft, ob eine Depression oder andere behandelbare Bedingung das Bild mitprägt.
In der Therapie selbst haben sich Ansätze bewährt, die Emotionswahrnehmung ausdrücklich zum Lernziel machen: emotionsfokussierte Verfahren, klärungsorientierte Psychotherapie oder Trainings, die systematisch von Körperempfindungen über Situationsanalysen zu Gefühlswörtern führen. Fragen Sie bei der Therapieplatzsuche gezielt danach – die Passung der Methode ist hier wichtiger als bei den meisten anderen Anliegen.
Flankierend können Sie sofort beginnen, Rohdaten zu sammeln, ohne sie deuten zu müssen: Notieren Sie mehrmals täglich nur Beobachtbares – Puls, Anspannungsorte, Handlungsimpulse („wollte auflegen“, „wollte raus“) und die Situation dazu. Solche Protokolle machen Muster sichtbar, die später in der Therapie zu Gefühlen zugeordnet werden. Informieren Sie außerdem Ihre engsten Menschen über das Muster: Der Satz „Ich merke oft nicht, was ich fühle – frag mich lieber, was ich brauche“ entschärft viele wiederkehrende Konflikte.
Grenzen dieses Tests
So deutlich das Ergebnis ausfällt – es bleibt die Momentaufnahme eines Kurzfragebogens und begründet höchstens einen starken Anfangsverdacht. Schwere depressive Episoden, akute Traumafolgen und ausgeprägte Erschöpfung können das Gefühlserleben vorübergehend ähnlich abflachen; die Unterscheidung zwischen Zustand und überdauerndem Merkmal gehört in fachliche Diagnostik.
Bedenken Sie schließlich die Messlogik: Ein Instrument, das nach der Innenwahrnehmung fragt, misst bei stark eingeschränkter Innenwahrnehmung naturgemäß unscharf. Genau deshalb sollte dieser Wert nicht das letzte Wort haben, sondern der Anlass für ein Gespräch sein, in dem geschulte Augen von außen mitschauen.
Quellen
- Bagby RM, Parker JDA, Taylor GJ (1994). The twenty-item Toronto Alexithymia Scale—I. Item selection and cross-validation of the factor structure. Journal of Psychosomatic Research, 38(1), 23–32.
- Bach M, Bach D, de Zwaan M, Serim M, Böhmer F (1996). Validierung der deutschen Version der 20-Item Toronto-Alexithymie-Skala bei Normalpersonen und psychiatrischen Patienten. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 46(1), 23–28.
- Taylor GJ, Bagby RM, Parker JDA (1997). Disorders of Affect Regulation: Alexithymia in Medical and Psychiatric Illness. Cambridge: Cambridge University Press.
Weitere mögliche Ergebnisse
- Gute Gefühlswahrnehmung (0–8 Punkte)
Sie erkennen Ihre Emotionen zuverlässig, können sie differenziert benennen und von körperlichen Empfindungen unterscheiden – die Basis gelingender Selbstregulation.
- Leichte Unschärfe der Gefühlswahrnehmung (9–15 Punkte)
Meist wissen Sie, was in Ihnen vorgeht – doch unter Druck oder bei komplexen Gefühlslagen verschwimmt das Bild. Mit gezielter Übung lässt sich die Auflösung deutlich erhöhen.
- Deutliche alexithyme Tendenz (16–22 Punkte)
Das eigene Gefühlsleben bleibt für Sie häufig hinter Milchglas: spürbar, aber nicht lesbar. Das kostet Beziehungsqualität und Wohlbefinden – lässt sich aber systematisch verändern.