Karriereanker-Test: Was ist Ihnen im Berufsleben unverzichtbar?
Manche Angebote klingen großartig und fühlen sich trotzdem falsch an. Der Karriereanker nach Edgar Schein erklärt, warum: Es gibt ein berufliches Grundbedürfnis, das Sie auch für Geld und Status nicht dauerhaft aufgeben – dieser Test hilft, es zu benennen.
Worum geht es in diesem Test?
Fünfzehn Aussagen zu Laufbahnentscheidungen, Arbeitsbedingungen und beruflichen Prioritäten erfassen fünf Karriereanker: fachliche Kompetenz (Meisterschaft im eigenen Gebiet), Führung (Gesamtverantwortung für Menschen und Ergebnisse), Autonomie (Arbeiten nach eigenen Regeln), Sicherheit (Stabilität und Planbarkeit) sowie Sinn (Dienst an einer Sache, die über die eigene Person hinausweist). Jede Aussage bewerten Sie auf einer vierstufigen Zustimmungsskala; nach etwa vier Minuten steht fest, welcher Anker in Ihrem Profil das größte Gewicht hat.
Der Begriff Anker ist wörtlich gemeint: Gemeint ist nicht, was Sie an einem Job nett fänden, sondern was Sie festhält – das Kriterium, an dem Wechselentscheidungen letztlich hängen. Ihr Ergebnis beschreibt deshalb nicht nur den stärksten Anker, sondern auch, wie er sich in Stellenwahl, Gehaltsverhandlungen und Konflikten mit Arbeitgebern bemerkbar macht, welche Laufbahnfallen typisch sind und wie Sie Positionen finden, die zum Anker passen, statt gegen ihn zu arbeiten.
Besonders nützlich ist die Standortbestimmung vor Weichenstellungen: wenn eine Beförderung ansteht, die den Arbeitsalltag komplett verändern würde, wenn Sie zwischen Konzern und Selbstständigkeit schwanken oder wenn ein gut bezahlter Job sich seltsam leer anfühlt. Auch Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger profitieren – wobei sich Anker in den ersten Berufsjahren erfahrungsgemäß noch sortieren.
Mögliche Ergebnisse
- Ihr stärkster Anker: Fachliche Kompetenz
Sie definieren sich über Meisterschaft in Ihrem Gebiet. Karriere heißt für Sie: schwierigere Probleme, tiefere Expertise, Respekt der Fachwelt – nicht zwingend ein höherer Rang im Organigramm.
- Ihr stärkster Anker: Führung und Gesamtverantwortung
Sie wollen gestalten, entscheiden und für das große Ganze geradestehen. Einzelne Fachthemen sind Ihnen Mittel zum Zweck – Ihr Ziel ist die Verantwortung für Menschen, Zahlen und Richtung.
- Ihr stärkster Anker: Autonomie und Unabhängigkeit
Sie arbeiten am besten nach eigenen Regeln: eigenes Tempo, eigene Methoden, eigene Zeiteinteilung. Vorschriften und enge Taktung kosten Sie mehr Energie als die Arbeit selbst.
- Ihr stärkster Anker: Sicherheit und Stabilität
Planbarkeit ist Ihr Fundament: verlässliches Einkommen, langfristige Perspektive, ein Arbeitgeber, der auch in fünf Jahren noch existiert. Von diesem Boden aus bringen Sie Ihre volle Leistung.
- Ihr stärkster Anker: Sinn und Dienst an anderen
Arbeit muss für Sie einem Zweck dienen, der größer ist als Gehalt und Karriere: Menschen helfen, etwas verbessern, Werte verwirklichen. Ohne dieses Warum wird jeder Job zur Hülle.
Methodik & Hintergrund
Das Konzept der Karriereanker stammt von Edgar Schein, Organisationspsychologe am Massachusetts Institute of Technology. In einer Längsschnittstudie begleitete er Absolventen über mehr als ein Jahrzehnt ihres Berufslebens und stellte fest, dass sich ihre Laufbahnentscheidungen um stabile Selbstbilder aus Kompetenzen, Motiven und Werten gruppierten. Diese Selbstbilder nannte er Karriereanker: Sie wirken wie ein innerer Kompass, der bei jeder beruflichen Kreuzung die Richtung mitbestimmt – oft, ohne dass die Person ihn ausdrücklich benennen könnte.
Schein unterschied in der ausgearbeiteten Fassung von 1990 acht Anker. Für diesen Selbsttest haben wir die Systematik auf fünf Anker verdichtet, die sich inhaltlich klar trennen lassen: Die ursprünglichen Anker Unternehmertum und Herausforderung teilen viele Facetten mit Autonomie und Fachkompetenz, der Anker Lebensstilintegration überschneidet sich mit Autonomie und Sicherheit. Die fünfzehn Aussagen sind eigenständige Formulierungen entlang von Scheins Konzeptbeschreibungen, keine Übernahme aus seinem geschützten Career Orientations Inventory.
Wissenschaftlich fair bleibt festzuhalten: Die Ankertheorie ist ein bewährtes Reflexionsmodell, ihre empirische Prüfung fällt aber gemischt aus. Feldman und Bolino (1996) argumentierten, dass Menschen häufig mehrere gleich starke Anker besitzen und die Annahme eines einzigen dominanten Ankers zu einfach ist. Behandeln Sie Ihr Ergebnis deshalb als Gesprächsgrundlage mit sich selbst – nicht als Festlegung, was Sie beruflich dürfen oder sollen.
Häufige Fragen
Schein beschreibt acht Karriereanker – warum testet dieser Fragebogen nur fünf?
Wir haben die Systematik bewusst verdichtet, weil sich mehrere Originalanker inhaltlich stark überlappen: Unternehmertum teilt Kernmotive mit Autonomie, die Suche nach Herausforderung mit Fachkompetenz, Lebensstilintegration mit Autonomie und Sicherheit. Fünf klar getrennte Anker lassen sich mit fünfzehn Fragen zuverlässiger unterscheiden als acht – und decken die Entscheidungskonflikte ab, die im Berufsalltag am häufigsten auftreten.
Kann ich zwei gleich starke Anker haben?
Ja, das kommt häufig vor und ist ein bekannter Einwand gegen die reine Lehre: Feldman und Bolino zeigten schon 1996, dass viele Menschen mehrere gleichrangige Anker besitzen. Der Test kürt rechnerisch einen Spitzenwert, aber wenn zwei Anker bei Ihnen fast gleichauf liegen, lesen Sie am besten beide Ergebnistexte – aufschlussreich ist dann vor allem, wie Sie sich entscheiden, wenn beide Bedürfnisse kollidieren.
Verändert sich der Karriereanker im Laufe des Lebens?
Schein selbst hielt Anker für erstaunlich stabil, sobald sie sich in den ersten fünf bis zehn Berufsjahren herausgebildet haben – vorher sind sie noch in Bewegung. Lebensereignisse wie Elternschaft, Krankheit oder wirtschaftliche Krisen können die Gewichtung allerdings verschieben, oft vorübergehend. Es lohnt sich deshalb, den Test vor großen Weichenstellungen zu wiederholen, statt sich auf ein Jahre altes Ergebnis zu verlassen.
Mein Job passt nicht zu meinem Anker – muss ich kündigen?
Nicht zwingend. Prüfen Sie zuerst, ob sich die jetzige Stelle in Richtung Ihres Ankers umbauen lässt: mehr Fachtiefe, mehr Spielraum, ein sinnvolleres Aufgabenpaket – vieles ist verhandelbar, wenn man es konkret anspricht. Ein Wechsel wird dann sinnvoll, wenn der Kern der Rolle dauerhaft gegen Ihren Anker arbeitet, etwa erzwungene Führungsverantwortung bei starkem Fachanker. Treffen Sie so eine Entscheidung nie allein auf Basis eines Selbsttests.
Gibt es gute und schlechte Karriereanker?
Nein. Jeder Anker hat Kontexte, in denen er Karrieren trägt, und Kontexte, in denen er Reibung erzeugt: Sicherheitsorientierung ist in der Verwaltung ein Gewinn und im Start-up ein Handicap, Autonomiebedürfnis umgekehrt. Problematisch ist nicht der Anker, sondern eine dauerhafte Fehlpassung zwischen Anker und Umfeld – sie gilt als eine der häufigsten Ursachen für schleichende Unzufriedenheit im Beruf.
Quellen
- Schein EH (1990). Career Anchors: Discovering Your Real Values. Pfeiffer & Company, San Francisco.
- Schein EH (1996). Career anchors revisited: Implications for career development in the 21st century. Academy of Management Executive, 10(4), 80–88.
- Feldman DC, Bolino MC (1996). Careers within careers: Reconceptualizing the nature of career anchors and their consequences. Human Resource Management Review, 6(2), 89–112.
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