PHQ-9
Der Patient Health Questionnaire-9 ist ein Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung depressiver Symptome. Er besteht aus neun Fragen, die sich direkt an den diagnostischen Kriterien einer Major Depression nach DSM-IV orientieren und die Häufigkeit der Beschwerden in den zurückliegenden zwei Wochen erheben.
Das Instrument wurde 2001 von Kroenke, Spitzer und Williams publiziert und wird heute weltweit in Hausarztpraxen, Kliniken und Studien als ökonomisches Screening-Verfahren eingesetzt. Seine Kürze und die enge Anlehnung an diagnostische Kriterien machen ihn zu einem der meistgenutzten Selbstbeurteilungsinstrumente im Bereich Depression.
Aufbau und Antwortformat
Jedes der neun Items fragt eine spezifische Beschwerde ab: wenig Interesse oder Freude, niedergeschlagene Stimmung, Schlafprobleme, Müdigkeit, Appetitveränderungen, negatives Selbstbild, Konzentrationsschwierigkeiten, psychomotorische Veränderungen und Gedanken an Selbstverletzung oder Tod. Die Antwort erfolgt auf einer vierstufigen Skala: 0 = überhaupt nicht, 1 = an einzelnen Tagen, 2 = an mehr als der Hälfte der Tage, 3 = beinahe jeden Tag.
Der Summenwert liegt zwischen 0 und 27 Punkten. Höhere Werte deuten auf stärkere depressive Symptomatik hin. Ein zusätzliches Item erfragt den funktionalen Beeinträchtigungsgrad, wird jedoch nicht in den Summenwert eingerechnet.
Cut-off-Werte und Schweregrade
Kroenke et al. schlugen folgende Grenzwerte vor: 5 bis 9 Punkte für minimale, 10 bis 14 für leichte, 15 bis 19 für mittelschwere und ab 20 Punkte für schwere depressive Symptome. Diese Einteilung ist international gebräuchlich, muss aber im klinischen Kontext interpretiert werden: die Schwellenwerte dienen der Orientierung, nicht der automatischen Diagnosestellung.
In Validierungsstudien zeigte ein Cut-off von 10 Punkten eine Sensitivität von 88 Prozent und eine Spezifität von ebenfalls 88 Prozent für die Diagnose einer Major Depression. Das bedeutet: das Instrument identifiziert die Mehrzahl der Betroffenen, produziert aber auch falsch-positive und falsch-negative Ergebnisse. Die optimale Schwelle kann je nach Setting variieren.
Einsatzgebiete und Grenzen
Der PHQ-9 eignet sich für Verlaufsmessungen in Therapie und für epidemiologische Erhebungen. Er ist kurz, kostenlos verfügbar und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Seine enge Anbindung an DSM-Kriterien erleichtert die klinische Einordnung und macht ihn kompatibel mit standardisierten Diagnoseverfahren.
Ein Screening-Instrument kann jedoch keine ausführliche diagnostische Untersuchung ersetzen. Insbesondere die Abgrenzung gegenüber bipolaren Störungen, Angststörungen oder somatischen Ursachen gelingt nur im Gespräch mit Fachpersonal. Item 9 zu Suizidgedanken sollte bei positivem Ergebnis immer vertieft exploriert werden, da der Fragebogen keine Risikoabschätzung liefert.
Psychometrische Eigenschaften
Metaanalysen belegen gute interne Konsistenz mit Cronbachs Alpha typischerweise über 0,80 und zufriedenstellende Test-Retest-Reliabilität. Die faktorielle Struktur wird meist eindimensional interpretiert, manche Studien finden jedoch zwei Faktoren: somatisch-affektive und kognitiv-affektive Symptome.
In nicht-klinischen Stichproben fallen die Mittelwerte deutlich niedriger aus als in psychiatrischen Populationen; Normwerte existieren für verschiedene Altersgruppen und Settings. Kulturübergreifende Studien zeigen, dass die Itemformulierungen unterschiedlich interpretiert werden können – eine standardisierte Instruktion ist daher wichtig.
Verwandte Instrumente und Erweiterungen
Der PHQ-9 ist Teil einer größeren Fragebogenfamilie: der Patient Health Questionnaire umfasst Module zu Angst, somatoformen Störungen, Ess- und Alkoholverhalten. Das GAD-7 zur Erfassung generalisierter Angst wird häufig gemeinsam mit dem PHQ-9 eingesetzt, da Angst und Depression oft komorbid auftreten.
Für Verlaufsmessungen in der Therapie kann die PHQ-9-Änderungssensitivität genutzt werden: eine Reduktion um mindestens fünf Punkte wird als klinisch bedeutsam betrachtet. In der Forschung wird der Fragebogen oft als Screening-Instrument für Studienpopulationen verwendet.
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Zum Weiterlesen
Quellen
- Kroenke et al. (2001): The PHQ-9: Validity of a brief depression severity measure
- Löwe et al. (2004): Deutschsprachige Validierung des PHQ-9