Selbstbild
Das Selbstbild umfasst alle Überzeugungen, die eine Person über sich selbst hat: über Eigenschaften, Fähigkeiten, Rollen, Vorlieben und den eigenen Körper. Es beantwortet die beschreibende Frage „Wer bin ich?“ – während der Selbstwert die bewertende Frage „Wie gut finde ich das?“ beantwortet.
Ein Selbstbild ist keine neutrale Datenbank, sondern ein aktives Ordnungssystem: Es entscheidet mit, welche Informationen über die eigene Person überhaupt beachtet, erinnert und geglaubt werden.
Real-Selbst, Ideal-Selbst, Soll-Selbst
Die Selbstdiskrepanztheorie von Higgins (1987) zerlegt das Selbstbild in drei Perspektiven: das Real-Selbst (so sehe ich mich aktuell), das Ideal-Selbst (so möchte ich sein) und das Soll-Selbst (so glaube ich sein zu müssen, etwa aus Sicht der Familie).
Interessant sind die Abstände zwischen diesen Ebenen. Eine große Lücke zwischen Real- und Ideal-Selbst geht der Theorie zufolge eher mit Niedergeschlagenheit und Enttäuschung einher, eine Lücke zwischen Real- und Soll-Selbst eher mit Anspannung, Schuldgefühlen und Sorge.
Selbstschemata: Der Filter im Kopf
Markus (1977) zeigte, dass Menschen für zentrale Selbstaspekte sogenannte Selbstschemata bilden – verdichtete Wissensstrukturen wie „ich bin schüchtern“ oder „ich bin sportlich“. Schemarelevante Informationen werden schneller verarbeitet, besser erinnert und bereitwilliger akzeptiert.
Der Filter arbeitet in beide Richtungen: Wer sich für ungeschickt hält, registriert jedes Stolpern als Beweis, übergeht aber zwanzig gelungene Handgriffe. So stabilisiert sich das Selbstbild selbst dann, wenn es längst nicht mehr zur Realität passt – ein Mechanismus, der auch bei Selbstunterschätzung nach Lebensumbrüchen wirkt.
Woran ein verzerrtes Selbstbild erkennbar ist
Warnhinweise sind deutliche Widersprüche zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung: Kolleginnen loben die Präsentation, innerlich gilt sie als Blamage. Auch pauschale Etiketten („ich bin einfach nicht der Typ dafür“) an Stellen, an denen nie ein ernsthafter Versuch stattfand, deuten auf ein festgefahrenes Schema.
Verzerrungen sind nicht automatisch krankhaft. Klinisch relevant werden sie, wenn sie Entscheidungen dauerhaft einengen – etwa wenn jemand Beförderungen ablehnt, Beziehungen sabotiert oder den eigenen Körper nur noch durch die Brille eines einzigen Makels wahrnimmt.
Das Selbstbild aktualisieren
Ein erster Schritt ist strukturiertes Fremdfeedback: Drei bis fünf Personen aus unterschiedlichen Lebensbereichen benennen je drei Stärken und eine Entwicklungsmöglichkeit. Die Übereinstimmungen zeigen, wo das Eigenbild blind ist.
Zweitens helfen Verhaltensexperimente: Eine Annahme („ich kann nicht vor Gruppen sprechen“) wird als überprüfbare Vorhersage formuliert und in einer kleinen, realen Situation getestet. Das Ergebnis wird schriftlich mit der Vorhersage verglichen. Wiederholt durchgeführt, verändern solche Experimente Selbstschemata zuverlässiger als jede rein gedankliche Arbeit, weil sie dem Filter neue, schwer wegzudiskutierende Daten liefern.
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Zum Weiterlesen
Quellen
- Markus, H. (1977). Self-schemata and processing information about the self. Journal of Personality and Social Psychology.
- Higgins, E. T. (1987). Self-discrepancy: A theory relating self and affect. Psychological Review.