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Sicherheitsverhalten

Sicherheitsverhalten bezeichnet alle Strategien, mit denen Menschen in gefürchteten Situationen eine erwartete Katastrophe abwenden oder ihre Angst dämpfen wollen – ohne die Situation komplett zu meiden. Der Begriff wurde maßgeblich von Paul Salkovskis geprägt, der Anfang der 1990er-Jahre zeigte, dass solche Strategien erklären können, warum Ängste trotz vieler scheinbar gegenteiliger Erfahrungen bestehen bleiben.

Im Unterschied zur offenen Vermeidung ist Sicherheitsverhalten oft unauffällig: Die Person geht zur Feier, hält den Vortrag, steigt in die Bahn – aber nur unter bestimmten Bedingungen.

Typische Erscheinungsformen

Die Bandbreite ist groß und individuell: nur in Begleitung einer vertrauten Person das Haus verlassen; das Handy als Rettungsanker griffbereit halten; Beruhigungstabletten mitführen, ohne sie je zu nehmen; sich in Gesprächen jeden Satz vorher innerlich zurechtlegen; im Kino am Rand sitzen, um jederzeit hinauszukönnen; bei Herzangst wiederholt den Puls kontrollieren; vor Fahrten sämtliche Routen und Notausgänge recherchieren.

Auch mentale Strategien zählen dazu – etwa das gedankliche Durchspielen von Fluchtplänen oder das ständige Beobachten der eigenen Körpersignale. Vieles davon wirkt nach außen wie gewissenhafte Vorbereitung, erfüllt aber innerlich die Funktion einer Versicherung gegen die befürchtete Katastrophe.

Der Mechanismus: verhinderte Widerlegung

Salkovskis' zentrale Beobachtung: Wenn die gefürchtete Katastrophe ausbleibt, schreiben Betroffene das Überstehen nicht der Harmlosigkeit der Situation zu, sondern ihrer Schutzstrategie. Aus dem Gedanken "Ich bin nicht in Ohnmacht gefallen, weil ich mich festgehalten habe" folgt keine Entwarnung, sondern die Bestätigung, dass Festhalten überlebenswichtig war. Die angstwidrige Erfahrung – die Situation ist auch ungeschützt sicher – kann so nie gemacht werden.

Hinzu kommen zwei Nebeneffekte: Sicherheitsverhalten bindet Aufmerksamkeit und erhöht die Selbstbeobachtung, was die Anspannung steigern kann; und manche Strategien verschlimmern paradoxerweise genau das Symptom, gegen das sie gerichtet sind – wer etwa bei Atemnot hastig tief atmet, kann Schwindel durch Hyperventilation erzeugen.

Befunde aus der Forschung

In experimentellen Studien führte die Konfrontation mit gefürchteten Situationen zu deutlich größeren Angstrückgängen, wenn die Teilnehmenden gleichzeitig auf ihre Schutzstrategien verzichteten, als wenn sie diese beibehielten. Salkovskis und Kollegen zeigten dies unter anderem bei Panikstörung mit Agoraphobie: Erst der Wegfall der Absicherung machte die korrigierende Erfahrung möglich.

Ob geringe Mengen an Sicherheitsverhalten in frühen Behandlungsphasen als Einstiegshilfe vertretbar sind, wird in der Forschung diskutiert; Einigkeit besteht darin, dass der Abbau spätestens im Behandlungsverlauf erfolgen sollte, damit neue Lernerfahrungen nicht entwertet werden.

Konsequenz für die Behandlung

In der kognitiven Verhaltenstherapie werden Schutzstrategien zunächst gemeinsam identifiziert – viele sind den Betroffenen selbst kaum bewusst, weil sie seit Jahren zur Routine gehören. Anschließend werden Konfrontationsübungen ausdrücklich ohne diese Absicherungen geplant und wie Experimente ausgewertet: Was wurde befürchtet, was ist tatsächlich passiert?

Für die Selbstbeobachtung kann eine einfache Frage hilfreich sein: Würde ich diese Situation auch ohne mein Hilfsmittel, meine Begleitung oder meinen Plan B aufsuchen? Wer diese Frage für viele Alltagssituationen verneint und darunter leidet, sollte eine psychotherapeutische Abklärung erwägen.

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Quellen