Vermeidungsverhalten
Vermeidungsverhalten umfasst alle Handlungen, mit denen eine als bedrohlich oder unangenehm erlebte Situation umgangen oder vorzeitig verlassen wird: die Absage der Feier, der Umweg um die Autobahn, das Verschieben des Arzttermins, das Nichtöffnen des Behördenbriefs. In der klinischen Psychologie gilt es als der wichtigste einzelne Faktor, der Angststörungen über Jahre stabil hält.
Das Tückische daran: Vermeidung funktioniert – aber nur kurzfristig, und genau darin liegt das Problem.
Mowrers Zwei-Faktoren-Theorie
Der Lernpsychologe O. Hobart Mowrer erklärte in den 1940er-Jahren mit seiner Zwei-Faktoren-Theorie, wie Ängste entstehen und warum sie nicht von selbst vergehen. Erster Faktor: Durch klassische Konditionierung wird ein ursprünglich neutraler Reiz – ein Ort, eine Situation, eine Körperempfindung – mit Furcht verknüpft, etwa nach einer Panikattacke im Supermarkt.
Zweiter Faktor: Durch operante Konditionierung lernt die Person, dass Fernbleiben oder Flucht die Furcht sofort beendet. Dieses Erfolgserlebnis festigt das Fluchtverhalten – und verhindert zugleich, dass die Furchtverknüpfung je überprüft und gelöscht werden kann. Die Angst bleibt konserviert, obwohl der Supermarkt längst ungefährlich ist.
Negative Verstärkung: die Belohnung durch Erleichterung
Der Motor der Vermeidung ist die negative Verstärkung: Ein Verhalten wird häufiger, weil es einen unangenehmen Zustand beendet oder verhindert. Die Erleichterung nach der abgesagten Präsentation wirkt wie eine Belohnung – das Gehirn merkt sich: Absagen hilft. Mit jeder Wiederholung sinkt die Schwelle, beim nächsten Mal wieder auszuweichen.
So entsteht eine Schere zwischen kurzfristiger und langfristiger Bilanz. Im Moment spart Vermeidung Angst; über Monate hinweg wächst jedoch die Erwartungsangst, das Zutrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit erodiert, und der Bewegungsradius – räumlich wie sozial – schrumpft. Häufig kommen sekundäre Folgen hinzu: berufliche Nachteile, Konflikte mit Angehörigen, die Aufgaben übernehmen müssen, oder gedrückte Stimmung durch den Verlust angenehmer Aktivitäten.
Generalisierung: aus einer Situation werden viele
Vermeidung bleibt selten auf den Ursprungsauslöser beschränkt. Über Reizgeneralisierung dehnt sich die Furcht auf ähnliche Situationen aus: Aus dem gemiedenen Supermarkt werden alle vollen Geschäfte, dann Menschenmengen generell, schließlich das Verlassen der Wohnung ohne Begleitung. Jede neue Ausweitung folgt derselben Logik der schnellen Erleichterung.
Neben der offenen gibt es verdeckte Formen: gedankliches Abschweifen bei belastenden Themen, das Betäuben von Gefühlen durch Alkohol, Dauerablenkung oder exzessives Arbeiten. Auch das Aufschieben unangenehmer Aufgaben lässt sich lerntheoretisch als Ausweichen vor aversiven inneren Zuständen beschreiben.
Den Kreislauf umkehren
Aus der Lerntheorie folgt die Behandlungsrichtung unmittelbar: Der Zusammenhang zwischen Ausweichen und Erleichterung muss unterbrochen werden, damit neue Erfahrungen möglich werden. Konfrontationsverfahren setzen genau hier an – geplant, dosiert und begleitet werden gemiedene Situationen wieder aufgesucht, bis die Furchterwartung an der Realität scheitert.
Ein realistischer erster Schritt außerhalb der Therapie ist das Führen einer Liste: Welche Situationen umgehe ich, und was kostet mich das inzwischen? Wird der Alltag bereits spürbar von Ausweichmanövern strukturiert, ist professionelle Unterstützung durch eine psychotherapeutische Praxis der wirksamste Weg.
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Zum Weiterlesen
Quellen
- Mowrer, O. H. (1947). On the dual nature of learning – a re-interpretation of "conditioning" and "problem-solving". Harvard Educational Review, 17, 102–148.
- Krypotos, A.-M., Effting, M., Kindt, M., & Beckers, T. (2015). Avoidance learning: a review of theoretical models and recent developments. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 9, 189.